Gedanken zu unserer Arbeit

Susanne und Mirko Gersak thematisieren in ihrer Metallkunst Kräfte, die in der Natur und im Menschen wirken, Naturphänomene, Wandlungs- und Entwicklungsprozesse. Eigene Beobachtungen in der Natur, aber auch die Beschäftigung mit den Elementelehren, Mythen und Naturphilosophien verschiedener Kulturen inspirieren sie zu ihren Bildthemen. Als adäquates Material verwenden sie unlegierten Stahl, der durch seine Tendenz zur Korrosion selbst Teil der sich wandelnden Natur ist und sich entsprechend der Naturgesetze verhält. Das Schaffen eines Objektes ist somit ein Dialog im Spannungsfeld zwischen „Materialwillen“ und künstlerischer Formgebung. Dabei entstehen alle Färbungen und Strukturen direkt aus dem Metall heraus, es werden keine zusätzlichen Mittel, wie zum Beispiel Farbe verwendet.




Kunst aus Metall / Stahl - Das Wesen des Materials

Die uns interessierenden Materialeigenschaften sind die Neigung des Stahls zur Oxidation, sein spezifisches Verhalten beim Erhitzen (Deformation, Blaufärbung) sowie seine besondere Eignung zur Reflexion des Lichtes.

Das Ausbilden einer Rostschicht gehört zum Wesen des Materials, es ist die ihm innewohnende Kraft, die es zu einem „lebenden“ Material macht. Es verändert sich selbst nach den Gesetzen der Natur, wird somit selbst aktiv. Es öffnet sich zum Raum und lässt ihn eindringen. Gleichzeitig wird durch diesen Prozess die Zerstörung des „Kunstprodukts“ Stahl eingeleitet, die mit der Rückführung des Eisens in seinen ursprünglichen Zustand endet.

Unsere Arbeit beginnt mit dem Anstoßen des Oxidationsprozess. Entsprechend des dem Bild zugrunde liegenden Themas wird eine bestimmte Substanz in einer bestimmten Art und Weise auf die Oberfläche aufgetragen. Die angewendeten Verfahren um Rost in verschiedenen Färbungen und Strukturen zu erzeugen sind Resultate eigener Erfahrungen und Experimente.

Nach dem Anstoß des Prozesses treten wir nun in einen Dialog mit dem Werk ein. Das Material geht seine eigenen Wege und bringt Binnenstrukturen hervor. Sie können das Bild bereichern aber auch stören. Im letzteren Fall wird der Oxidationsvorgang in eine andere Richtung gelenkt oder gestoppt.

Parallel zum Oxidationsvorgang geschieht das Einwirken auf das Material durch Bürsten, Polieren, Kerben und Schleifen quasi mit umgekehrtem Vorzeichen. Während sich beim Oxidieren die Oberfläche selbst zum Raum öffnet, ist es bei diesem Prozess unsere Absicht, die das Material strukturiert und verändert. Die Veränderungen, die hier zu berücksichtigen sind, sind die Einwirkungen des Lichtes auf die reflektierende Oberfläche. Es muss die Schraffurrichtung oder Kerbentiefe gefunden werden, die zusammen mit dem Licht die gewünschte Synthese bildet. 

Manche Bildthemen unserer Kunst aus Metall verlangen zusätzlich den Vorgang des Erhitzens, um eine bestimmte Färbung oder Deformation zu erzielen. Auch hier ist es uns wichtig, dass das Verhalten des Materials seinen inneren Gesetzen folgt und nicht von Außen auf die Oberfläche aufgelegt ist.




Wie entstehen unsere Bilder mit Rost?

Nach einer Reihe von Vorstudien nimmt die Idee für ein Werk langsam Gestalt an. Diese versuchen wir nun, aus dem Werkstoff, dem Stahlblech hervor wachsen zu lassen. Es beginnt das Experimentieren mit Hilfe von Wasser, Salzen und Säuren, Pinseln, Spritzen und Gießkannen. Nach einigen Tagen sind die ersten Roststrukturen sichtbar. Vielleicht ist auch etwas entstanden, was vorher nicht geplant war, was uns aber spontan fasziniert und Assoziationen hervorruft. Andere Strukturen werden durch die genannten Mittel intensiviert. Viele Male müssen die Bleche hin und her transportiert werden. Für manche Motive ist es nötig, dass die Rostbilder tagsüber schnell in der Sonne trocknen, damit sofort wieder neue Flüssigkeit aufgetragen werden kann. Über Nacht müssen sie jedoch meist ins Trockene gebracht werden, da ein nächtlicher Regen vermutlich die ganze Arbeit zerstören würde. So zieht sich die Fertigstellung eines Bildes über viele Wochen hin. Wenn die Roststruktur ihre endgültige Form erreicht hat, beginnen die Arbeiten an den übrigen Partien des Bildes. Blanke Stellen müssen poliert werden. Feine Strukturen müssen in das blanke Metall eingeschliffen werden, um die Oberfläche lebendig zu machen. Je nach Standpunkt und Lichtverhältnissen schimmert die Fläche anders und tritt in Konkurrenz zum Rost. Ein Kontrast, der unsere Bilder und Stelen kennzeichnet, ein Kontrast zwischen Glanz und Rost, kalt und warm, Menschenwerk und Naturwerk, Schein und Sein.

Die Metalloberfläche bietet schier unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten. Neben den hier beschriebenen Verfahren des Rostens und Polierens gibt es noch zahllose andere Möglichkeiten, sich in diesem Material auszudrücken: Erhitzen des Metalls, Einkerben oder Verschweißen von Metallstücken. Das Arbeiten mit Metall ist äußerst vielseitig und bietet immer wieder Möglichkeiten für neue Entdeckungen.





In der modernen Kunst wurde das Gestaltungsmittel Rost immer wieder mit dem Vanitasgedanken in Verbindung gebracht.: Der auf dem Metall auftretende Rost sollte daran erinnern, dass er eines Tages - gemäß seiner Natur - das Material komplett zersetzen werde, also ein bewusstes sichtbar machen der Vergänglichkeit des Materials. Rost ist hier formzerstörendes Material. 

Der vergrabene und langsam verrottende Stahlkubus des Künstlers Sol Le Witt sowie die lackierten Porträts auf Stahl, die langsam vom Rost zerfressen werden (Holger Pohl) führen uns die Dominanz des Materials über die künstlerische Formgebung vor Augen.

Dieser Konnotation des Rostes möchten wir einen anderen Aspekt entgegen stellen: Für uns steht die Ästhetik des Rostes als gestaltender, formgebender Kraft im Vordergrund. Eine Natur-Kraft, die aber nicht unvermeidlich auf eine Zerstörung der Form hinausläuft, sondern ein würdiges Gegenüber im Dialog mit dem "Künstlerwillen" ist: Eine konstruktive Kraft, die an der Entwicklung des Bildaufbaus maßgeblich beteiligt ist.

Das Gestalten mit Rost ist wie ein Weg mit vielen Windungen und Verzweigungen. Man plant zwar die grobe Richtung vor, aber unterwegs muss man immer wieder mit unvorhergesehenen Umwegen rechnen. Dieses Wechselspiel mit dem Zufall – genau genommen ist es eine Zusammenarbeit mit dem Zufall – ist unser Antrieb bei der Entstehung eines Werkes.     




Die Fünf Elemente: Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall


Das Thema der 5 Elemente als Bestandteil der taoistischen Lehre fasziniert uns immer wieder. Auch zur Zeit arbeiten wir an verschiedenen Zyklen von Wandbildern, die sich mit einzelnen Aspekten dieser interessanten Sichtweise auf die Natur auseinandersetzen. Die Elemente werden hier nicht als grundlegende Bestandteile der Materie aufgefasst, sondern stehen für die Wandlungsphasen von dynamischen Prozessen. Es sind Aspekte eines zyklischen Ablaufs.


Man kann die Wandlungsphasen sehr gut an der Folge der Jahreszeiten verdeutlichen: Wasser steht unten als ruhender Ausgangspunkt und wesentlicher Bestandteil jeder Dynamik, und entspricht dem Winter. Holz folgt als vorbereitende, expandierende Phase, Frühling. Feuer bildet den Höhepunkt der eigentlichen Aktion; es steht für den Sommer. Erde steht für den wandelnden Aspekt, der im zyklischen Prozess Evolution bewirkt (etwa die Metamorphose hin zur Fruchtbildung) sowie den Spätsommer. Metall konzentriert und strukturiert die Aktion, dies gewährleistet die Wirkung der Aktion, entsprechend der Reifung im Herbst. Dem schließt sich wieder die Ruhephase (Wasser) an.


In unserer Werkgruppe „Energie“ befassen wir uns mit den den Elementen zugeordneten Energierichtungen. Das Objekt „Energie-Erde“ zum Beispiel zeigt einen von innen nach außen fließenden Energiestrom, der gleichzeitig aber auch in seiner Umkehrung, also von außen nach innen zu lesen ist. 

Für uns bietet die Elementelehre einen Ausgangspunkt für unsere Bildfindungen, aber im Grunde fließen sehr subjektive Momente mit ein. Emotionen, Wünsche, neue Erkenntnisse, Gespräche – all das wirkt sich auf den Umgang mit dem Material aus und beeinflusst den Fortgang des Arbeitsprozesses.